Freiräume sind Schutzräume!

Eindrücke vom 27. Kinder- und Jugendschutzforum in Dortmund

Der Mangel an Freiräumen für viele Kinder und Jugendliche ist zum Problem geworden. Der Landesjugendring hat ein breites „Bündnis für Freiräume“ ins Leben gerufen. Auch das 27. Kinder- und Jugendschutzforum 2015 widmete sich dem Thema „Freiräume gesucht! Kinder und Jugendliche zwischen Erwartungsdruck und Selbstentfaltung“.

Entwicklungspsychologisch betrachtet sind Freiräume unverzichtbar. Kinder und Jugendliche brauchen für ihr psychisches Wachstum neben stabilen und vertrauensvollen Beziehungen Erfahrungsräume, in denen sie sich und ihre Fähigkeiten entdecken, ausprobieren und dabei auch Risiken eingehen und Fehler machen dürfen. Schon kleine Kinder wollen und müssen ihre Umwelt selbstständig erkunden können. In solchen inneren und äußeren Freiräumen erleben sich die Heranwachsenden als autonom und selbstwirksam, sie entwickeln sich zu eigenständigen Persönlichkeiten mit einem gesunden Selbstvertrauen.

Besteht diese Möglichkeit nicht oder zu wenig, ist ihre psychische und körperliche Gesundheit gefährdet. Insofern sind Freiräume immer auch Schutzräume. Der Kinder- und Jugendlichenpsychiater und -therapeut Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort, Hamburg, (Burnout-Kids, Pattloch Verlag) brachte es auf den Punkt: „Freiräume sind psychische Entwicklungsräume, die notwendig sind, um psychisch gesund aufzuwachsen.“ Gleichzeitig machte er deutlich, dass Kinder und Jugendliche natürlich auch die Fürsorge von Eltern und Pädagogen brauchen. Er sei kein Anhänger der „Bullerbü-Romantik“, nach der Kinder am besten ohne Eltern aufwachsen. Eltern, Schulen, Freizeiteinrichtungen sollten aber erkennen, wo Kinder und Jugendliche Unterstützung brauchen und wo ihre Einflussnahme die Kinder einengt, also Grenzen der Fürsorge überschritten werden. Wie so oft geht es auch hier um die Haltung der Erwachsenen: Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeit und Wertschätzung begegnen und ihnen eigene Räume zugestehen.

In die Kinder- und Jugendpsychiatrische Praxis von Schulte-Markwort kommen immer mehr junge Menschen, die heftige Überforderungssymptome zeigen: Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, Traurigkeit, Erschöpfung, Depression. Die Mädchen und Jungen stehen oft unter einem immensen Leistungs- und Selbstoptimierungsdruck, der durch Schule und Elternhaus gefördert wird und im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – Dominanz von Ökonomie und Leistungsprinzip, teilweise Überflutung durch die digitale Welt – steht. Diese Prinzipien und der damit verbundene Druck engen die persönlichen Freiräume ein und schaffen Leidensdruck.

Prof. Ulrich Deinet beschrieb in seinem Vortrag, wie sich die „Raumordnung“ bei Kindern und Jugendlichen gegenüber früher verändert hat. Die Räume junger Menschen sind heute geprägt durch Verhäuslichung, Verinselung, Mobilität und die Allgegenwart virtueller Räume. Vor allem stellte Deinet die subjektive Perspektive der Kinder und Jugendlichen heraus, die sich ihre Freiräume eigenständig schaffen – oft ohne dass Erwachsene es bemerken. Er beschrieb das am Beispiel der Offenen Ganztagsschule, die für Kinder mehr als Schule nämlich der Ort ist, wo sie ihre Freundinnen und Freunde treffen und zusammen spielen. Handlungsbedarf besteht nach Deinet allerdings darin, in den Schulen mehr Erholungs- und Rückzugsmöglichkeiten bereitzustellen und den Kindern Freiräume bzw. Partizipation bei der Gestaltung von Schule zu ermöglichen. Damit brachte Deinet weitere Bedeutungen von Freiräumen in die Diskussion ein: Partizipation, Selbstorganisation, Verantwortungsübernahme, Entspannung und Erholung.

Als Beispiel für selbst angeeignete, nicht-pädagogisierte Räume nannte Deinet Shopping-Malls, in denen Jugendliche sich im öffentlichen Raum inszenieren und „chillen“ können. „Chillen“ sei eine Reaktion Jugendlicher auf ihre Lebenssituation (z. B. Erwartungsdruck, Stress ) und gleichzeitig „Vorbereitung auf Aktivität“. Damit sei das „Schützen von Chillen auch Aufgabe des Jugendschutzes“.

Durchzogen war die Tagung von folgender Leitfrage des Moderators Klaus Bellmund: „Wie schaffen wir es, mutig unseren Kindern und Jugendlichen mehr Freiräume zu geben?“ Daraus ergaben sich weitere Fragen: Welche Freiräume hat die einzelne Fachkraft – oder nimmt sie sich, um Kindern und Jugendlichen Freiräume zu gewähren? Was hindert sie daran? Halten wir Erwachsenen die Freiräume aus? Geben wir den Mädchen und Jungen ein gutes Vorbild im Umgang mit Freiräumen?

Die Referenten/-innen sahen einen großen Handlungsbedarf im Bereich der Schule, die mit erweiterter Schularbeitszeit und erheblichem Leistungsdruck Freiräume begrenzt. Auch gab es konkrete Vorschläge für mehr Freiraumgestaltung, wie zum Beispiel die Einrichtung eines lehrerfreien Schülercafes, weniger geplante Bildungsangebote in Kitas, Medien als elternfreie Räume zu akzeptieren oder „Chillen“ als notwendige Ressource wertzuschätzen. Im Wesentlichen ging es aber wie so oft um die „pädagogische Haltung“: Darum „aufmerksam und fürsorglich an den Kindern und Jugendlichen dran zu bleiben“ (Schulte-Markwort), sich darum zu bemühen, die Perspektive der Heranwachsenden einzunehmen und sie in Entscheidungen und Maßnahmen einzubinden.

Das 27. Kinder- und Jugendschutzforum 2015 zum Thema „Freiräume gesucht! Kinder und Jugendliche zwischen Erwartungsdruck und Selbstentfaltung“ wurde gemeinsam von den Landesstellen Kinder- und Jugendschutz – AJS, Kath. LAG Kinder- und Jugendschutz und Evangelischen Arbeitskreis – in Zusammenarbeit mit dem Landesjugendring NRW veranstaltet. Es nahmen rund 170 Fachkräfte von Jugendämtern, freien Trägern, KITAS, Schulen und Polizei teil. Die Tagung wird von allen Veranstaltern auf ihren Homepages dokumentiert. Auf www.ajs.nrw.de finden sich sowohl Vorträge (PPP), kurze Interviews mit allen Referentinnen und Referenten sowie Kurzzusammenfassungen der Foren. Die Kath. LAG Kinder- und Jugendschutz wird die nächste Ausgabe von THEMA JUGEND ebenfalls diesem Thema widmen.

Autorin: Carmen Trenz (AJS)